60 Jahre
Dr. Franz Grubauer
Dr. Fritz Erich Anhelm
Evangelische Akademien sind mit ihren ca. 2.000 Veranstaltungen pro Jahr, an denen etwa 150.000 Personen teilnehmen, ein wahrgenommener Faktor in den überaus differenzierten Öffentlichkeiten unserer Gesellschaft. Tagungen werden kommentiert, ihre Ergebnisse aufgenommen, publiziert, hunderttausendfach heruntergeladen und weiter verarbeitet.
So hatten sich das die Gründer der ersten Evangelischen Akademien, die sich vor 60 Jahren zu einem "Leiterkreis" zusammenschlossen, vorgestellt. "Öffentlichkeit", die wollten sie. Evangelische Akademien als Investition der Kirchen in die politische Kultur der Gesellschaft - das war und ist das Programm.
Die Themen veränderten sich mit den Problemanzeigen der Welt, seismographisch vorausgreifend manchmal, oft mediativ und diskursiv begleitend, auch nachsorgend als notwendige Erinnerung. Die Intention blieb. Sie erwies sich als äußerst belastbar, auch wo sie in schwierige Wasser politischer Umorientierungen und kirchenpolitische Prioritätendiskussionen geriet: Dauerhaft und verlässlich "Dritte Orte" bereit zu halten, an denen sich Kirche in verantworteter Freiheit und säkular verstandener Verantwortung in Gesellschaft und Staat argumentativ aufeinander beziehen.
Jüngere Untersuchungen zur Teilnehmerzusammensetzung der Tagungen Evangelischer Akademien zeigen, dass dies in hohem Maße gelingt. In den Akademien spiegelt sich die Altersstruktur der Bevölkerung, wobei der Anteil der 30- bis 60-Jährigen deutlich überwiegt. Dort treffen sich die Funktions- und Verantwortungseliten und Akteure aus allen wesentlichen gesellschaftlichen Handlungsbereichen. Manchmal zu lesende feuilletonistische Sottisen, das Akademiepublikum sei mit den Akademien gealtert und repräsentiere ein gesellschaftsfernes, überlebtes und milieuverengtes Bildungsbürgertum, halten der Wirklichkeit der Teilnehmerlisten nicht stand.
Ein im letzten Jahrzehnt eingeleiteter Profilierungsprozess trägt Früchte. In der zunehmenden Konkurrenzsituation ausgedehnter Tagungs- und Kongresslandschaften positionierte er die Evangelischen Akademien neu. In der Eventkultur einer schnelllebigen öffentlichen Aufmerksamkeitsökonomie repräsentieren sie reflektierte Nachhaltigkeit. Gemeinsame inhaltliche Schwerpunktsetzungen in "Kleinen Netzen", Fortbildung für Studienleitungen, Öffentlichkeitsarbeit und Qualitätsentwicklung befördern differenzierte und ausgewiesene Expertise und heutigen Anforderungen angemessene Standards in der Ausstattung der Häuser.
Wenn die Evangelischen Akademien nach 60 Jahren ihrer Existenz daher bewusst in die Zukunft blicken, wissen sie sich der anhaltenden Bedeutung ihres Auftrages für eben diese Zukunft von Kirche und Gesellschaft verpflichtet. Ihr Auftrag gründet - wie es schon in der ersten Satzung ihres Zusammenschlusses heißt - darin, die Probleme dieser Welt im Lichte des Evangeliums zu begreifen, zu bearbeiten und zu verantwortbaren Problemlösungen beizutragen. Das ist ein kaum überbietbares Alleinstellungsmerkmal. Es drückt sich in den Inhalten ihrer Tagungen und der Atmosphäre des Ortes unverwechselbar aus. Diesen Auftrag so wahrzunehmen, dass sich daran alle beteiligen können, die dazu willens sind, ist die Aufgabe, die sich ständig neu stellt. Heute stellt sich diese Aufgabe in religionspluraler werdenden Gesellschaften, in denen die öffentliche Bedeutung des Glaubens entgegen aller Voraussagen wieder wächst. Es wachsen allerdings ebenso fundamentalistisch auftretende Religiosität und glaubensferne Säkularismen. Evangelische Akademien halten dazwischen den Raum für reflektierte Orientierung offen. Sie sind Ausdruck öffentlicher Kirche und öffentlicher Theologie. Aus ihren Programmen spricht die protestantische Weltverantwortung als "Kerngeschäft" eines vernünftigen Glaubens.
Herzlich willkommen in den Evangelischen Akademien.
Ihr
Dr. Fritz Erich Anhelm (Vorsitzender EAD e. V.)
Dr. Franz Grubauer (Generalsekretär EAD e. V.)


